Seleçao in Weggis

A seleçao brasileira em Weggis na Suiça

Freitag, Juni 09, 2006

Öffentliches Training in Offenbach




Das Spektakel glich einem Popkonzert. Das einzige öffentliche Training Brasiliens sorgte in Offenbach für einen Ausnahmezustand. Der Star des Abends war ein kleiner Junge, der zu seinen Idolen flitzte und dafür wie ein Schwerverbrecher abgeführt wurde.
Vielleicht waren es drei Minuten, als ein Schauspiel ins Wanken geriet. Ein Schauspiel, das erdrückt wurde von grimmigen Sicherheitskräften, Musikgedröhne und der Stimmungsmache des Stadionsprechers. Wie ein kleiner Junge beim öffentlichen Training der Brasilianer in Offenbach auf den Rasen vordringen konnte, wird man den obersten Ordnungshüter des Abends sicherlich noch öfter fragen.

Es geschah während einer Trainingspause. Plötzlich sprintete ein etwa zwölfjähriger Junge im Ronaldinho-Trikot auf das Spielfeld, geradewegs zu seinen Lieblingen. Einmal den echten Ronaldinho und Roberto Carlos anfassen, dafür hatte dieser Junge listig eine Heerschar von Aufpassern am Seitenrand überrumpelt.

Bis Männer in Sakkos und Signalwesten sich aufmachten, den Mini-Flitzer einzufangen, konnte dieser ein paar Momente erhaschen, die nur ihm gehörten. 24.000 Menschen saßen an diesem Nachmittag im Offenbacher Stadion "Am Bieberer Berg" und gerieten aus der Fassung, weil die brasilianische Fußball-Nationalmannschaft das einzige öffentliche Training vor dem WM-Auftakt am Dienstag (21 Uhr) in Berlin gegen Kroatien durchführte.

Aber dieser Junge war kein Zaungast, sondern mittendrin. Er durfte unter dem Gejohle der Zuschauer an den verschwitzten Trikots von Robinho und Kaka zupfen, ein paar Hände schütteln - bis die grimmigen Ordnungskräfte angestürmt kamen. Es gab einige unwürdige Szenen, als hysterische Männer diesen Schuljungen vom Platz zerren wollten wie einen Schwerverbrecher. Gut, dass ein älterer brasilianischer Betreuer alle beruhigte.

Es war eben der Tag, an dem jeder in Offenbach vor Aufregung zu hyperventilieren begann. Allein das Wort "Brasilien" sorgt heutzutage für Verspannung unter den Menschen, aber als dann die Mannschaft tatsächlich auf den Rasen des altehrwürdigen Stadions schlurfte, wähnte man sich in einem Popkonzert. Auf einem Sportplatz, wo einst der gelernte Metzger und Offenbacher Fußball-Legende Hermann Nuber rackerte, albert nun eine atemberaubend begabte Fußballmannschaft herum, die Weltmeister ist - und es wohl auch bleiben wird. Und die Mädchen kreischen dazu, wie bei einem Auftritt von Tokio Hotel. Dabei ging es vorallem um einen leicht androgyn wirkenden Fußballer namens Ronaldinho.

Zu fragen ist, ob so ein öffentliches Ballspiel als seriöses Training bezeichnet werden darf oder eher als Werbeveranstaltung einer Gruppe von Unterhaltungskünstlern namens "Seleção". Ein bisschen Auflockern, dann wurden zwei Spielchen angepfiffen. Erst kickte die A- gegen die B-Mannschaft, später wurden die Teams durchgemischt. Es war phasenweise sogar Fußball, mehrheitlich wirkte das Ballspiel aber wie der Zeitvertreib eines technisch überragenden Showteams. Vor allem Ronaldinho und Roberto Carlos verloren mit der Zeit immer mehr ihres ohnehin kaum vorhandenen Ernstes. "Lustig, die Deutschen, die spielen Musik und klatschen, wenn wir Übersteiger machen", müssen sich die beiden gedacht haben.

Am Dienstag, als auf der Geschäftsstelle des Zweitligisten Kickers Offenbach die kostenlosen Tickets für dieses Training ausgegeben wurden, gab es chaotische Zustände. Vermeintlich clevere Schwarzmarkthändler stellten sich mehrfach in die Schlange - und wollten die nach gut einer Stunde vergriffenen Billets vor Ort für 80 Euro das Stück verhökern. Einen Tag später bei eBay wurden gar 1000 Euro aufgerufen. Für ein Trainingsticket! Wer das alles absurd findet, ist kein Einzelgänger mehr.

Es ist die Frage, ob dieses Brimborium mit Sambagedöns, Liveübertragung des Hessischen Rundfunks, an den Spielfeldrand geschleppten Sesseln für die brasilianischen Teambetreuer und verordneter Gepäckabgabe für die Zuschauer nicht die Grenzen des Gagafußballbetriebs erreicht hat. "Wir unterstützen jetzt das Team", rief Stadionsprecher Klaus Mörschel ins Mikrofon, als ob "das Team" einen Gegner hätte. Niemand sollte sich wundern, wenn jemand auf die Idee kommt, die Brasilianer beim Aufpumpen der Bälle zu filmen. Live. Mit Interviews. Und Expertenmeinungen.

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Für diese gute Stunde Brasilienauftritt haben die Offenbacher Kickers sogar neuen Rollrasen verlegen und sämtliche Werbebanden zukleben müssen. Denn der Bieberer Berg wurde an diesem Tag vom (Werbe)-Regelwerk des Fußball-Weltverbandes Fifa regiert. Und das vorhergesagte Verkehrschaos in der Stadt stellte sich ebenfalls ein. Für diesen Donnerstag galt in Offenbach: Wir sind WM.

Man kann sich nur wundern, wie die brasilianischen Spieler so ein Tamtam ertragen - oder sogar genießen. Winken ins Publikum und rhythmisches Klatschen mit den Zuschauern waren Standard in Offenbach, sogar der immer so gestreng wirkende Trainer Carlos Alberto Parreira vermochte für einen Moment zu lächeln. Nur der grippekranke Ronaldo fehlte bei dieser Happy Hour auf dem Bieberer Berg.

Um 18.20 Uhr, gut eine Stunde nach Beginn, stellte die Seleção dann die Arbeit ein. Ende der Show. Vorhang. Ganz gewiss wird im Trainingslager oben im Taunus jede Trainingseinheit anspruchsvoller aussehen, aber das ist ja dann auch kein Dienst am Kunden mehr - sondern Sport. Und den beherrschen die Brasilianer wie wohl kein zweites Team auf der Welt.